Conti-Cup

Unterwegs in Deutschland

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Internet-Magazin Abwesenheit Menge Ehrfurcht Gottheit ...

Fünfzehn Häuptlinge und Zauberer

Eine Karte riecht nach vergessenen Dingen und weist den Weg in die Leere.

Die Karte roch nach vergessenen Dingen. Nicht nach Moder, sondern nach dem Staub auf ledernen Buchrücken in stillgelegten Bibliotheken, nach der trockenen Kühle von Kellern, in denen Kerzen nie brennen. Sie war in einem Karton mit dem Nachlass meines Onkels gefunden worden, einem Mann, der mehr mit Gestein als mit Menschen sprach. Auf einem brüchigen Stück Pergament, nicht größer als meine beiden Hände, zog sich eine Linie wie ein Herzschlag durch ein Gelände ohne Namen. An ihrem Ende, eingekreist von einer Tintenwolke, die Ausschlag sein konnte oder Rauch, standen fünf Worte: *Die Schlafstätten der Alten.* Die Geologie kennt keine Schlafstätten. Sie kennt Verwerfungen, Erosion, das unerbittliche Drücken und Ziehen der Tiefe. Doch mein Onkel, ein Mann von prosaischer Präzision, hatte diese Karte versteckt. In seinen Feldnotizen fand ich einen letzten Eintrag, mit zittriger Hand geschrieben: *Man sucht Knochen, aber findet nur das Bett. Die Leere hat Gewicht.* So begann meine Reise. Nicht als Pilgerfahrt, sondern als letzte Vermessung. Ich wollte die Orte finden, die Legenden vermaßen, und den Fakten ihren kargen Sieg überlassen. Ich packte meinen Hammer, mein Notizbuch und eine sture Gewissheit: Steine schlafen nicht. Sie liegen nur da.

Das Tal atmet eine Stille die nach nichts und allem schmeckt.

Das Tal öffnete sich ohne Vorwarnung. Die Straße, eine graue Schlange aus Asphalt, bog um eine Felskante, und plötzlich war da diese Weite. Nicht die helle, einladende Weite einer Wiese, sondern eine tiefe, grüne Stille, die sich zwischen zwei Bergflanken einsenkte wie eine ausgeatmete Luft, die nie wieder eingeholt wird. Ich hielt an. Der Motor tickte aus. Der Wind, der oben noch geschäftig an den Felsen gerieben hatte, war hier unten zu einem kaum spürbaren Hauch geworden. Er bewegte nichts. Er trug nur den Geruch von nassem Moos und zerkleinertem Granit, den kühlen Atem der Erde selbst. Ich stieg aus. Meine Schritte auf dem Schotter am Straßenrand klangen ungeheuerlich laut, ein Eindringen in eine Stille, die nicht Stille war, sondern Warten. Die Karte zeigte hier den ersten Punkt. Keine Ruine, kein besonderer Fels. Nur eine Stelle im Tal. Ich ging vom Wagen weg, hinein in das hohe Gras. Es raschelte nicht. Es bog sich unter meinen Stiefeln und richtete sich hinter mir so langsam wieder auf, als wollte es meine Spur tilgen. Ich blieb stehen. Das Tal lag um mich, eine gewölbte Hand aus Gras und Stein. Und in dieser Hand lag nichts. Nichts als diese atemlose, grüne Leere. Es war die perfekte Abwesenheit. Nicht von Leben – Vögel kreisten hoch oben –, sondern von etwas anderem. Von einem Gewicht, das nicht mehr da war. Mein Geologenverstand protokollierte: Gletschermühle, späteres Schwemmland. Mein übriges Ich stand da und spürte nur das leere Bett.

Ein steinerner Ruecken liegt im Schutt der Zeit und traeumt.

Der Pfad hinauf war kein Pfad mehr, sondern ein Versprechen zwischen Geröll. Nach zwei Stunden klammerte sich mein Atem an die dünne Höhenluft. Dann, an einer scheinbar willkürlichen Stelle, forderte die Karte einen Abstieg. Nicht vom Grat, sondern in eine Falte der Bergflanke hinein, einen versteckten Couloir, voll mit dem Schutt von Jahrtausenden. Und dort lag sie. Nicht als Gipfel, sondern als gefallene Linie. Ein Rücken aus grauem Gestein, so lang wie ein Stadion, brach aus der Schuttlandschaft hervor. Jeder Wirbel war ein gewaltiger, abgerundeter Felsblock, durch natürliche Erosion vom nächsten getrennt, aber in einer so perfekten Abstufung, dass die Illision unausweichlich war: Dies war eine Wirbelsäule. Eine Riesenschlange, ein Drache, ein Gott – sie lag auf der Seite, in den Schlaf der Ewigkeit gesunken. Das Sonnenlicht fiel scharf zwischen die „Wirbel“ und schnitt tiefe, schwarze Schatten, die wie Rippen aussahen. Ich berührte den kühlen Stein. Meine Hand zitterte. Dies war kein Zufall der Erosion mehr. Die Skala verbot es. Das Gefühl verbot es. Hier hatte etwas gelegen. Hatte geruht. Hatte den Berg unter sich geformt. Eine wissenschaftliche Erklärung – eine besonders widerstandsfähige Gesteinsader, die der Abtragung trotzte – bildete sich in meinem Kopf, aber sie fühlte sich an wie eine Lüge, die man einem Kind erzählt. Die Wahrheit war die monumentale, steinerne Abwesenheit des Körpers, der hier gepasst hätte. Ich schlug meinen Hammer nicht an. Es wäre Lärm gewesen. Sakrileg.

Ein Sitz ohne Herrscher blickt ueber das verlassene Koenigreich.

Der dritte Ort war ein offenes Geheimnis. Die Locals nannten ihn „The Chair“. Eine Touristeninformation existierte nicht, aber in dem kleinen Dorf am Fuße der Hügel wusste jeder Bescheid. Ein älterer Mann mit Augen wie getrocknete Flüsse zeigte mit seiner Pfeife einen Trampelpfad. „Geht hin. Sitzt aber keiner mehr drauf.“ Der Thron war kein Möbelstück. Es war eine natürliche Formation am Rand einer Klippe. Zwei mächtige, senkrechte Felsplatten bildeten die Lehnen. Dazwischen war eine Mulde aus glattem, dunklem Stein, von Wetter und unzähligen Händen blank poliert. Die Aussicht von dort war atemberaubend: ein weites, von Flüssen durchzogenes Tal, umrahmt von fernen, blauen Bergen. Ein Königreich für einen Riesen. Ich setzte mich nicht. Ich stellte mich dahin, wo die Beine eines Sitzenden gehangen hätten, und blickte über das Land. Hier hatte jemand gesessen. Nicht ein Mensch. Jemand, für den diese ganze Landschaft ein persönlicher Garten war. Die Ehrfurcht, die ich spürte, war kalt und einsam. Sie galt nicht der Schönheit der Aussicht. Sie galt der schieren, unvorstellbaren Präsenz, die hier einmal Platz genommen hatte. Der Thron war nicht leer, weil nie jemand da war. Er war leer, weil der, der dort saß, fortgegangen war. Und diese Abwesenheit war mächtiger, eindringlicher als jede gegenwärtige Statue. Die Menge der Berge, Täler und Flüsse dort draußen war sein verlassenes Zepter.

Eine Menge sucht die Leere und findet sich selbst in der Stille.

Ich kehrte ins Tal des Atems zurück, um an meinem Wagen zu campen. Bei der kleinen Quelle, die auf der Karte verzeichnet war, traf ich auf die erste Menge. Es waren vielleicht zwanzig Menschen. Sie hatten keine markanten Zelte aufgeschlagen, sondern einfache Tarps zwischen den Bäumen gespannt. Sie sprachen leise, beinahe flüsternd. Als ich näher kam, unterbrachen sie ihre Tätigkeiten – Kochen, Wasserholen – und sahen mich an. Ihre Blicke waren nicht feindselig, sondern abwesend, als schauten sie durch mich hindurch auf etwas hinter mir. Ein Mann mit kurzgeschorenen grauen Haaren löste sich von der Gruppe und trat auf mich zu. Sein Händedruck war trocken, kraftlos. „Sie suchen die Stätten“, sagte er. Es war keine Frage. „Ich kartiere geologische Besonderheiten“, antwortete ich, eine zu lange einstudierte Phrase. Ein flüchtiges Lächeln berührte seine Lippen. „Wir auch. Wir kartieren die Leere, die sie hinterlassen haben.“ Er nannte sich Elian. Seine Gruppe, erklärte er, folgte keiner Religion im herkömmlichen Sinn. Sie folgten der Spur der Abwesenheit. Sie suchten die Orte, an denen das Göttliche *nicht* mehr war, und verehrten genau diesen Moment des Verschwindens als die reinste Form seiner Existenz. „Die Gottheit ist fort“, sagte er mit einer Stimme, die nach festgestelltem Fakt klang. „Ihr letztes und wahrstes Geschenk ist die Lücke, die sie hinterlässt. Darin können wir endlich atmen. Darin können wir uns selbst finden.“

Die Liturgie des Ausatmens in einer dunklen umarmenden Leere.

Elian lud mich ein, an ihrer Abendandacht teilzunehmen. Ich willigte ein, getrieben von einer Mischung aus professioneller Neugier und einem unbehaglichen Gruseln. Bei Einbruch der Dunkelheit versammelten sie sich nicht um ein Feuer, sondern in einem weiten Kreis auf der ebenen Fläche im Zentrum des Tals. Sie zündeten keine Fackeln an. Sie standen einfach da, jeder in seiner eigenen Dunkelheit, und blickten in die schwarze Mulde des Himmels oder auf den noch dunkleren Umriss der Berge. Es begann kein Gesang, kein Gebet. Die Stille verdickte sich. Es war die Stille des Tals, aber nun bewusst herbeigerufen, ausgebreitet wie ein Altartuch. Ich spürte, wie meine Sinne sich spannten, suchten – nach einem Geräusch, einem Zeichen, einer Bewegung. Nichts. Nur die ungeheure, lebendige Abwesenheit aller Dinge, die hier hätten sein können, sein *sollten*. Dann, nach langen Minuten, begann ein leises, kollektives Ausatmen. Ein Geräusch wie ein Windstoß, der nie ankam. Es war die einzige Liturgie: das Anerkennen der Leere. In ihren Gesichtern, schwach vom Sternenlicht erhellt, sah ich keine Freude, keine Trance. Ich sah eine tiefe, erschöpfte, furchtbare Ehrfurcht. Sie fürchteten nicht eine anwesende Macht. Sie verehrten die entsetzliche, befreiende Gewissheit, dass die Macht fort war. Ihre Menge war kein Chor. Sie war ein Kollektiv von Einzelnen, die sich in der gemeinsamen Erfahrung des Nichts fanden.

Die innere Schlafstaette erwacht und fragt nach ihrem Bewohner.

Die Nacht verbrachte ich wach in meinem Zelt. Das Gefühl der Andacht hing noch in der Luft, klebte an meiner Haut. Meine rationalen Erklärungen – Massensuggestion, psychologische Projektion auf eine erhabene Landschaft – fühlten sich plötzlich hohl an, wie aus Blech. Was suchte ich eigentlich? Nicht die Schlafstätten. Ich suchte Beweise dafür, dass es sie nie gegeben hatte. Ich wollte die Legenden mit meinem Hammer zerschlagen und die nüchternen, kalten Fakten wie Quarzbrocken in der Hand halten. Doch jeder Ort hatte mir das Gegenteil gezeigt. Die Fakten *waren* die Legenden. Der leere Thron *war* ein Thron. Die steinerne Wirbelsäule *war* ein Rücken. Die Abwesenheit war ein positiver, messbarer Zustand, schwerer als die Gegenwart von Luft. Und in mir? Ich war ein Mann, der sein Leben lang Karten für die sichtbare Welt gezeichnet hatte. Von Gefühlen, von Glauben, von der unsichtbaren Architektur der Seele hatte ich immer angenommen, sie seien wie die alten Götter – schöne Geschichten für schwache Gemüter. Jetzt, in diesem Tal der leeren Anbetung, spürte ich meine eigene innere Schlafstätte. Ein Bett, das gemacht war für etwas Großes – eine Leidenschaft, einen unerschütterlichen Glauben, eine Liebe, die Berge versetzt – und das seit Jahrzehnten unberührt war. Ich hatte die Abwesenheit in mir selbst kultiviert und sie Vernunft genannt.

Wasser fliesst und erzaehlt von den Riesen die nie durstig waren.

Am Morgen ging ich zur Quelle, um Wasser aufzufüllen. Elian war schon dort, hockte auf den Fersen und betrachtete das sprudelnde Wasser. „Es ist nicht heilig“, sagte er, ohne aufzusehen. „Heiligkeit würde eine Präsenz implizieren. Eine Weihe. Es ist nur eine Quelle. Aber weil alles andere fort ist, wird sie wichtig.“ „Was ist fort?“, fragte ich. Meine Stimme klang rau. Er sah mich an. „Die Großen. Die Alten. Die, die die Berge als Kissen benutzten und die Täler mit ihrem Atem füllten. Nennen Sie sie Riesen, Titanen, Götter. Die Namen sind egal. Ihre Zeit ist vorbei. Sie sind nicht gestorben. Sie sind aufgestanden und gegangen.“ „Und ihr verehrt ihre Fußabdrücke?“ „Wir achten den Schatten, den ihr Fortgehen wirft“, korrigierte er mich. „In diesem Schatten wachsen wir. Ohne ihren überwältigenden Blick können wir endlich sehen, wer wir sind. Das ist unsere Ehrfurcht: die Ehrfurcht vor der eigenen, kleinen, endlichen Möglichkeit in einer unendlichen Leere.“ Er füllte seinen Krug und ging zurück zum Lager. Ich blieb zurück, die Hände im eiskalten Wasser. Ich dachte an meinen Onkel. *Die Leere hat Gewicht.* Er hatte es nicht als Klage geschrieben, sondern als Feststellung. Als Datenpunkt.

Der Weg zurueck fuehrt durch das Tal der eigenen Moeglichkeiten.

Ich blieb noch zwei Tage. Ich wanderte zu den Punkten auf der Karte, jetzt mit anderen Augen. Der Thron war nicht mehr tragisch leer. Er war ein befreiter Platz. Die Wirbelsäule im Berg war kein trauriges Relikt, sondern das Zeichen einer entspannten Last. Das Tal atmete nicht mehr sehnsuchtsvoll. Es atmete einfach, frei von dem Gewicht eines schlafenden Körpers. Am letzten Abend saß ich mit am Rand der stillen Menge. Ich betete nicht zu der Leere. Ich lauschte ihr. Und in dieser Stille, die kein Mangel, sondern ein Raum war, hörte ich etwas. Nicht mit den Ohren. Es war das leise Aufrichten meines eigenen, lange gebeugten Rückens. Das vorsichtige Ausfüllen meiner eigenen, inneren Schlafstätte nicht mit einem Riesen, sondern mit mir selbst. Mit all meiner Verwirrung, meiner wissenschaftlichen Skepsis und der neuen, unbequemen Ahnung, dass das Numinose nicht im Anwesenden, sondern im bewusst wahrgenommenen Abwesenden liegen konnte. Die Ehrfurcht, die mich schließlich überkam, war wärmer als die der Pilger. Sie galt nicht einer fortgezogenen Gottheit. Sie galt diesem seltsamen, zerbrechlichen Moment der Geschichte, in dem die Riesen aufgestanden und gegangen waren und Wesen wie ich – winzig, vergänglich, unsicher – zurückblieben, um in den gewaltigen Betten zu spielen und sie langsam, ganz langsam, mit unserer eigenen winzigen Bedeutung zu füllen.

Die Karte ruht und die Reise hallt in den alltaeglichsten Momenten nach.

Die Karte liegt wieder in ihrer Schachtel. Ich habe keine neuen Koordinaten eingetragen. Ich habe sie mit Bleistift ergänzt: eine kleine, unsichere Linie, die von der letzten „Schlafstätte“ weg und zurück in das Gewirr der normalen Welt führt. Manchmal, in überfüllten U-Bahnen, stehe ich in der Menge. Ich spüre den Druck der Körper, den Lärm der Stimmen, die abwesenden Blicke. Und dann stelle ich mir vor, all das würde plötzlich verschwinden. Nicht die Menschen, sondern das, was sie erfüllt: ihre Sorgen, ihre Eile, ihre lauten, kleinen Götter. Was bliebe? Ein Raum. Eine Stille. Ein leeres Bett, bereit. Ich schlage meinen geologischen Hammer nicht mehr an Felsen. Ich klopfe manchmal vorsichtig gegen die Wand meiner eigenen Brust. Und horche auf den hohlen, weiten, wunderbaren Ton der Möglichkeit.


Mit den besten Wünschen und der Hoffnung, dass Sie Ihr eigenes leeres Bett finden mögen,
Ihr stiller Beobachter der Schatten und Sammler verlorener Stille.

uwR5


*Der aufmerksame Leser wird bemerken, dass alle genannten Orte, Landschaften und selbst die anwesende Abwesenheit der Kategorien unserer gewohnten Kartographie spotteten. Sie entziehen sich der präzisen Verortung, der touristischen Erschließung und vor allem der sicheren Nomenklatur. Namen sind hier nur fallible Netze, geworfen über einen Abgrund von Bedeutung, der sich weigert, gefangen zu werden. Jeder Versuch, diese Schlafstätten in einem Reiseführer zu bannen, wäre ein Missverständnis gleichermaßen niedlich wie vermessen – als versuche man, den Abdruck eines vertrockneten Regentropfens zu konservieren.

Quellenangaben:
Inspiriert von der kartenwidrigen Gewissheit, dass die bedeutendsten Orte oft die sind, von denen nichts mehr da ist.
Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen,
Volkskundliche Dokumentation: Sagen und Mythologie Österreichs
GEO Magazin: Wissenschaft, Natur und Kultur
Philosophie Magazin: Gedanken zur Gegenwart
Meyers Konversations-Lexikon 3. Auflage 1874 - 1884
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie

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